
Die Elektrifizierung der Busflotten stellt Verkehrsunternehmen in ganz Europa vor Herausforderungen, die weit über den Austausch von Diesel- gegen Elektrobusse hinausgehen. Wo neue Fahrzeuge Einzug halten, wachsen gleichzeitig die Anforderungen an Ladeinfrastruktur, Netzanschlüsse und Betriebshöfe. Vor allem in dicht bebauten Städten wird dabei ein Problem immer drängender: Es fehlt schlicht an Platz. Genau hier setzt TruckTower mit seinem Konzept vertikaler Busdepots an und möchte nun im Rahmen des europäischen Projekts VerTIBUS die Voraussetzungen für eine breite Markteinführung schaffen.
Wenn die Fläche zum entscheidenden Faktor wird
Die Elektrifizierung des öffentlichen Nahverkehrs verändert die Anforderungen an Betriebshöfe grundlegend. Während klassische Dieselbusse vergleichsweise einfach auf bestehenden Flächen betrieben werden konnten, benötigen moderne Elektrobusse zusätzliche Ladeeinrichtungen, leistungsfähige Netzanschlüsse und optimierte Betriebsabläufe. Gleichzeitig steigen die Fahrzeugzahlen vieler Verkehrsbetriebe kontinuierlich.
Neue Grundstücke in urbanen Räumen sind jedoch kaum verfügbar. Wo Flächen vorhanden wären, verhindern oftmals hohe Grundstückspreise oder langwierige Genehmigungsverfahren eine wirtschaftliche Umsetzung. Für zahlreiche Verkehrsunternehmen entwickelt sich deshalb nicht die Fahrzeugbeschaffung, sondern die Depotinfrastruktur zum eigentlichen Engpass der Mobilitätswende.
BusTower verfolgt einen neuen Infrastrukturansatz
Mit dem BusTower verfolgt die TruckTower GmbH einen Ansatz, der bislang im europäischen ÖPNV kaum umgesetzt wurde. Statt Betriebshöfe in die Fläche wachsen zu lassen, sollen Busse künftig vertikal untergebracht werden. Dadurch lassen sich bestehende Standorte deutlich effizienter nutzen, ohne zusätzliche Grundstücke erschließen zu müssen.
Um dieses Konzept nicht nur theoretisch, sondern unter realen Bedingungen zu bewerten, wurde nun gemeinsam mit einem europäischen Konsortium der Förderantrag „VerTIBUS – Vertical Transport Infrastructure for Bus Depots in Urban Spaces“ beim EIT Urban Mobility Strategic Innovation Open Call eingereicht. Ziel ist es, die technische, wirtschaftliche und regulatorische Machbarkeit vertikaler Depotlösungen systematisch zu untersuchen und gleichzeitig Grundlagen für eine europaweite Skalierung zu schaffen.
Fünf Betreiber und neun Standorte liefern Praxisdaten
Bereits zum Projektstart sind fünf Verkehrsunternehmen mit insgesamt neun möglichen Depotstandorten beziehungsweise Anwendungsfällen eingebunden. Diese breite Basis ermöglicht es, sehr unterschiedliche Ausgangssituationen zu analysieren.
Dazu zählen innerstädtische Bestandsdepots mit begrenzten Erweiterungsmöglichkeiten ebenso wie Szenarien rund um Elektrifizierungsengpässe, Betreiberportfolios, Service-Center oder komplette Standortverlagerungen und Neubauprojekte.
Gleichzeitig bleibt VerTIBUS ausdrücklich offen für weitere Verkehrsunternehmen, die eigene Daten, Standorte oder Anwendungsfälle während der Projektlaufzeit einbringen möchten. Dadurch soll eine möglichst breite Datenbasis entstehen, aus der belastbare Handlungsempfehlungen für unterschiedlichste Betriebsgrößen abgeleitet werden können.
Entscheidungsgrundlage statt theoretischer Studie
Im Mittelpunkt des Projekts steht nicht die Entwicklung eines weiteren Konzeptpapiers, sondern ein praxisnaher Bewertungsrahmen für Verkehrsunternehmen.
Untersucht werden unter anderem:
Aus diesen Untersuchungen soll ein übertragbarer Entscheidungsrahmen entstehen, der Verkehrsunternehmen künftig dabei unterstützt zu beurteilen, wann ein BusTower gegenüber einer klassischen Erweiterung bestehender Betriebshöfe, einem Depotneubau oder einer Standortverlagerung wirtschaftliche und betriebliche Vorteile bietet.
Starkes europäisches Konsortium
TruckTower übernimmt innerhalb des Projekts sowohl die Projektleitung als auch die Rolle des kommerziellen Partners. Unterstützt wird das Unternehmen von namhaften Partnern aus Forschung, Infrastrukturplanung und Verkehrswirtschaft.
Zum Konsortium gehören unter anderem das Fraunhofer IVI, emutec GRID SYSTEMS, Luetkens Architektur, IPROCONSULT, SiKo, TAIVR / Nicole Noack sowie der internationale Verkehrsbetreiber ARRIVA.
Diese Kombination aus wissenschaftlicher Kompetenz, technischer Infrastrukturplanung und praktischer Betreibererfahrung soll gewährleisten, dass die Ergebnisse nicht nur theoretisch belastbar, sondern unmittelbar in reale Projekte übertragbar sind.
Mehr als ein Forschungsprojekt
Für TruckTower ist VerTIBUS deutlich mehr als ein klassisches Forschungsprojekt. Geschäftsführer Dr.-Ing. Felix Hackbarth betont, dass das Unternehmen bereits heute über die notwendige Systemkompetenz, die technologische Basis sowie ein entsprechendes Partnernetzwerk verfügt, um BusTower-Projekte konkret zu planen und umzusetzen.
Das europäische Forschungsprojekt soll deshalb vor allem dazu beitragen, die unterschiedlichen Anwendungsfälle systematisch zu bewerten, Standards zu entwickeln und die Grundlage für eine spätere Skalierung innerhalb Europas zu schaffen.
Förderentscheidung steht noch aus
Ob VerTIBUS tatsächlich umgesetzt wird, entscheidet nun das Förderprogramm von EIT Urban Mobility. Im Falle einer Bewilligung ist eine Projektlaufzeit von 24 Monaten vorgesehen.
Unabhängig vom Ausgang des Förderverfahrens signalisiert TruckTower bereits heute Gesprächsbereitschaft gegenüber Verkehrsunternehmen, Infrastrukturbetreibern und Kommunen, die ihre bestehenden Depotkapazitäten überprüfen oder eigene Standorte in die Weiterentwicklung des Konzepts einbringen möchten.
Ein möglicher Baustein für die Mobilitätswende
Die Elektrifizierung des öffentlichen Nahverkehrs wird häufig auf Fahrzeuge, Batterietechnik oder Ladeleistungen reduziert. Mindestens ebenso entscheidend ist jedoch die Frage, wo diese Fahrzeuge künftig betrieben werden können.
Sollten sich vertikale Depotlösungen wirtschaftlich und technisch bewähren, könnten sie insbesondere in Ballungsräumen zu einem wichtigen Baustein der zukünftigen Verkehrsinfrastruktur werden. VerTIBUS verfolgt genau diesen Ansatz: Nicht mehr Fläche zu verbrauchen, sondern vorhandene Flächen intelligenter zu nutzen. Damit adressiert das Projekt eines der zentralen Probleme der urbanen Mobilität – und könnte langfristig neue Perspektiven für den Ausbau emissionsfreier Busflotten in Europa eröffnen.