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Hightech auf Rädern: Der Setra S 516 HDH im Praxistest

Die 2022 erneuerte Setra-Reisebus-Linie ist nochmals mit neuer Technik aufgewertet worden. Auf einer Pässefahrt ins Engadin lässt der TopClass 500 seine Muskeln -spielen und zeigt Eigenschaften, auf denen das allgemein gute Image von Setra beruht. 

Die Reisebus-Linie von Setra ist in die Modelle ComfortClass 500 und TopClass 500 unterteilt, die bekannterweise auf gleicher Technik basieren. Der etwas schlichter gehaltene ComfortClass wird in sechs Versionen mit zwei oder drei Achsen gebaut, der TopClass ist ein reiner Dreiachser. Beide wurden vor vier Jahren stark überarbeitet, optisch modernisiert und technisch deutlich verbessert. Vergangenes Jahr wurde die Technik nochmals aufgepeppt und unter anderem durch die MirrorCam-Spiegelkameras sowie neuste Assistenzsysteme erweitert. 

In einem brandneuen Setra S 516 HDH sind wir unterwegs im östlichen Alpenraum der Schweiz, um die neue Technik im möglichst realen Einsatz zu testen. Mit einer Länge von 13,3 m liegt der S 516 zwischen seinen Geschwistermodellen S 515 (12,5 m) und S 517 (14,2 m) und wird von Setra selbst als die goldene Mitte in Sachen Platzangebot und Wendigkeit bezeichnet. Unsere dafür vorgesehene Runde startet im Rheintal in Landquart, führt via Davos und Flüelapass bis ins Engadin und anschließend von St. Moritz via Julier zurück nach Landquart – 220 abwechslungsreiche Kilometer bei stahlblauem Himmel, was uns zum Privileg verhilft, trotz eigentlich niedrigen Temperaturen den Mittag an der Sonne zu verbringen. 

Zusätzliche Technik

Generell hat Setra die Optik seit der Überarbeitung 2022 nicht verändert. Die aktuellste Ausführung lässt sich daher nur dann auf den ersten Blick erkennen, wenn das optionale Spiegelkamera-System MirrorCam eingebaut ist. Es ist sozusagen die Speerspitze der technischen Neuerungen, welche unter anderem den nochmals verbesserten Notbremsassistenten (Active Brake Assist 6), den Abbiegeassistenten (Sideguard Assist 2) auch auf Fahrerseite und optional ein 360°-Kamerasystem in Ergänzung zur Rückfahrkamera umfassen. Etliche Technologien, wie die Alcotester-Schnittstelle, die Aufmerksamkeitswarnung und Verkehrszeichenerkennung sind Bestandteil der neusten EU-Vorschriften zur Fahrzeugausrüstung. 

Bereits vor vier Jahren wurde das Öffnen und Verschließen des Buses mittels Zentralverriegelung eingeführt, ebenso den Zündschlüssel-losen Motorstart per Tastendruck. Während andere Car-Hersteller inzwischen aufs digitale Cockpit umgeschwenkt sind, in welchem sämtliche Informationen des Hauptinstruments in einem grossen Bildschirm dargestellt werden, nutzt Setra traditionelle Runduhren. Sie sind sehr gut ablesbar und werden durch eine relativ kleine, zentrale Digitalanzeige vervollständigt. Der drehbare Fahrersitz erleichtert den Zugang zum Cockpit enorm und sein Sitzkomfort überzeugt. Ergonomisch angeordnete Schalter, Hebel und Tasten machen es auch einem markenfremden Chauffeur möglich sich rasch mit der Fahrzeugbedienung vertraut zu machen. Und so startet die erste Etappe Richtung Davos ohne unnötige Verzögerungen. 

Unterwegs 

An die MirrorCam und ihre grossen Displays in den A-Säulen gewöhnen wir uns dank etlicher Fahrten mit ähnlichen Systemen rasch. Beim Manövrieren ist die Vogelperspektive des 360°-Kamerasystems eine echte Hilfe. Sie wird auf dem Zusatzbildschirm über dem Cockpit dargestellt. Chic: Die Feststellbremse löst sich dank elektronischer Steuerung beim Losfahren selbst. Und als Zusatz bietet sie eine integrierte Holdfunktion. Dazu wird im Stillstand das Bremspedal stark durchgetreten, worauf der Fuß vom Bremspedal runter kann. Und sobald man wieder aufs Gas tritt, löst sich die Bremse selbstständig. 

Die im Testbus eingebaute 510-PS-Version des bekannten, 12,8 l grossen Reihensechszylinders OM 471 zeigt selbst am Berg keine Schwächen. Um hierbei den Testeindruck nicht zu verfälschen, hat Setra wasserbefüllte Dummies auf einer Großzahl der Sitze befestigt, mit entsprechend hoher «Passagierbelegung» und hohem Gesamtgewicht. Gekoppelt mit dem Mercedes-eigenen robotisierten 8-Gang-PowerShift-Getriebe GO 250-8 harmoniert der Antriebsstrang über weite Strecken bestens. Allerdings tritt am Hang eine zögerliche Gangwahl bei niedrigem Tempo besonders deutlich zu Tage, was sich aber durch Anwählen des Dynamic-Modus oder durch die manuelle Gangwahl per Retarderhebel entschärfen lässt. 

Möglichst sicher und sparsam

Wie die Praxis in Lastwagen längst zeigt, bringen die schlanken Kameraarme der Spiegelkameras aerodynamisch bereits eine ganze Menge. Dazu kommt die automatische Fahrwerksabsenkung im oberen Tempobereich, um den Luftwiderstand zusätzlich zu verringern. Auch die dynamische Veränderung der Bordnetzspannung nutzt Mercedes zur Effizienzsteigerung: bei hoher Leistungsabfrage wird die Netzspannung gesenkt, im Schiebebetrieb oder beim Abbremsen wird die Spannung angehoben und damit die Bordbatterie wieder «befüttert». 

Der vorausschauende Tempomat PPC (Predictive Powertrain Control) arbeitet neu ergänzend zur Autobahn auch auf Überlandstrassen. Dabei nutzt der Bus die programmierten topografischen Informationen, um selbstständig die Geschwindigkeitsgestaltung, inklusive Schaltstrategie, zu wählen. Mit anderen Worten, der Bus erkennt Ortseinfahrten, Kurvenradien und Kreisel und reduziert und erhöht vorausschauend das Tempo. Mittels fünf Programmstufen wird der Stil der Tempobewältigung bestimmt, von besonders dynamisch bis besonders effizient, resp. passagierfreundlich. Solches bietet dem Chauffeur grossen Fahrspaß, denn bei richtiger Handhabung wird der anspruchsvolle Dienst am Steuer merklich entlastet. 

 Insgesamt überzeugt nicht nur das Wetter auf dem Ausflug – was unsere Wasserdummies leider nicht zu würdigen wissen. Vielmehr zeigt der S 516 HDH mit guter Handhabung, hohem Fahrkomfort, intelligenten Assistenten und gediegenem Ambiente, weshalb der Setra zurecht am oberen Ende der Reisebus-Skala zu Hause ist. 

Martin Schatzmann